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Kursbericht Kitzberg Schutzhaus

Ausbildungskurs
Huzulenstuten, 6-jährig
Grundausbildung, seit 2 Jahren regelmäßige TTEAM-Arbeit

Vier Mädchen: Mara-13J, Ramona-12J, Lisa-11J und Petra-8J
Mara 13j.: knapp unter Reiterpassniveau
Ramona 12J.: bisher nur wild auf der Koppel am Haflinger ihrer Freundin geritten
Lisa 11J.: dressurmäßig Reiterpaßniveau, springmäßig Kavalettiarbeit, noch keine Sprünge
Petra 8J. : einige Longestunden
Ich: Martin Lasser, Behindertenreitwart, Practioner in A., Hippopädagogik in A.
Hanna: eine Freundin, die an Tellingtonarbeit sehr und an heilpädagogischer Arbeit interessiert ist. Sie ist Beobachterin, Mitarbeiterin im Lagergeschehen und auch Übende in der Nachlese des Kurses .(Siehe unten)
Ziele: Berühren und Berührtwerden, Führen und Geführtwerden, vor dem Pferd, neben dem Pferd, hinter dem Pferd, auf dem Pferd, im Pferd, sich erfahren, den Rücken des Pferdes in Spiel und Spaß erobern, die Verbindung in einfachen Dressurlektionen wahrnehmen, Freudiges Vorwärtsgehen über Kavaletti erarbeiten, in Wald, Feld, Bach und Gelände ursprüngliches Reiten nachvollziehen . . .

1.Tag
Ich stelle im Sitzkreis die Tellingtonarbeit vor, beschreibe und zeige die ersten Ttouches: Wolkenleopard, liegender Leopard,Pythonheber, Oktopus und zum Abschluss das Lecken der Kuhzunge. Eifrig und angetan üben wir aneinander. Wir putzen die Pferde und probieren die gelernten Ttouches an den Pferden aus.
In der Mittagszeit gehen wir im Bach baden und ich setze mich wie ich bin auf Pilicas Rücken und lass mich innerhalb der Umzäunung des Offenstalles von ihr durch die Gegend tragen. Sogleich kommen die Kinder, wir gießen die Pferde mit kaltem frischen Wasser, sie führen einander und sitzen abwechselnd in der Badehose am Pferd.
Das ist spielerische Kontaktaufnahme. Folgt mir das Pferd? Welche Mittel neben gutem Zureden stehen mir zur Verfügung? Wie fühlt sich ein nasser Pferdekörper an? Wie funktioniert das Sitzen am Pferd, das Rauf-und Runterklettern, das Treiben und mich Führenlassen? Haben die Pferde auch Spaß daran?
Wichtige Sinneserfahrungen, erste Kommunikationserlebnisse und lustvolle erste Reiterfahrungen werden in dieser vorbereiteten Umgebung von den Kindern selbst gemacht – ohne meine Direktiven. Das steht im Vorfeld des Unterrichts, die Kräfte sind mobilisiert und das Interesse geweckt.
Wieder angezogen und neu für den Nachmittag organisiert zeige ich ihnen die Führposition des Eleganten Elefanten. Wir führen einander, gehen durchs Labyrinth und über den Stern und lernen den Zauberstab als Signal anzunehmen. Wir üben die Führposition nun auch an den Pferden. Im Anschluss daran dürfen die Pferde rund um die Zelte grasen, während wir in ihrer Mitte Kuchen essen, Kaffee und Himbeersaft trinken . . .
Es folgt noch ein kleiner Geländeritt hinunter zur Piesting. Alle Kinder genießen die Abkühlung und das Abenteuer mit den Pferden im Bach zu sein. Die Stimmung an diesem Tag ist von freudiger Aktivität und friedlicher Neugierde geprägt. Auch beim Stallausmisten und der Abendversorgung wollen die Kinder dabeisein und am Lagerfeuer stellt sich heraus – trotz mehrerer Angebote – dass das Buch des Lagers: Vom anderen Umgang mit Tieren sein wird. Also der erste Abend gehört der Riesenschlange Joice und dem Wal Holy Fin.
Müde aber glücklich und voller Inspiration kriechen die 4 Mädels in ihre Schlafsäcke.
2.Tag
Nach gemeinsamen Frühstück (Pferde fressen ihre übliche Ration Heu und genießen die frische Stroheinstreu ihres Offenstalles, wir essen in ihrer unmittelbaren Nähe vor unseren Zelten unsere Cornflakes und streichen eifig Marmeladebrote) wiederholen wir noch in der Morgenfrische eines neuen heißen Sommertages die Ttouches vom Vortag und üben auch die Tigerkralle, den Waschbärtouch, den Muscheltouch und die Bärenpranke.Wieder wird alles nach sorgfältigem Putzen an den Pferden ausprobiert. Die Beobachtung wie die Pferde reagieren und was sie uns über die Körpersprache mitteilen, schreiben die Kinder in ein Lagerheft ein.Jeder entwickelt ganz seine individuelle Arbeit.
Nun gibt es für jedes Mädchen eine Longestunde um das gegenwärtige Reitniveau festzustellen und ein wenig am Sitz zu arbeiten. Die Mittagszeit verbringen die Pferde wieder frisch geduscht in ihrem Paddock, die Kinder klettern müde hinauf in den Wald zu den Hängematten und um 4 Uhr treffen wir einander wieder zur Reitstunde
Außer Petra, die nochmals longiert wird, gibt es nun eine Dressurstunde mit Reiten in großen gebogenen Linien in Erinnerung an die vormittäglichen Longestunden. Wir arbeiten am Bewegungsdialog Pferd und Reiter im Schritt und im Trab. Am Ende der Reitstunde werden die Pferde von je 2 Mädels abgestrichen oder eher abgestreichelt. (Ich habe im letzen Debby Potts Kurs erfahren, dass diese Handlung auch Exploration Ttouch genannt wird.)
Für uns hat diese Geste folgende Aufgabe erfüllt: Ein kleines Dankeschön fürs Getragenwordensein und für die Kommunikationsbereitschaft . . .
Die Mädchen führen und reiten die Pferde noch abwechselnd ohne Sattel auf die Koppel, turnen und spielen auf deren Rücken und beobachten sie beim Fressen. Nach der disziplinierten Arbeit während des Tages ist das wieder ein schöner Ausgleich in Spiel, Liebe und Frieden einfach mit den Pferden zu sein und nochmals ihr Wesen und die persönliche Beziehung nachklingen zu lassen.
Als wir am Lagerfeuer sitzen, wünschen sich die Kinder mehr aus Lindas Leben zu erfahren. Wer ist diese Frau, die die Art sich über Ttouches, Führpositionen und Reiten im Balancesitz dem Pferd zu nähern erfunden hat?
Ich lese heute ihre Biographie am Beginn des besagten Buches und denke mir: Linda müsste ihr Leben nochmals speziell für Kinder und Jugendliche aufschreiben!
3.Tag
Die Athmosphäre; die von Lindas Geschichten ausgeht, hilft uns bei der Annäherung an die spezielle Beziehung Mensch - Pferd und wir üben uns im Bewusstsein unser Selbst im Spiegel des Pferdes zu sehen. Erlebtes wird reflektiert und Wesentliches im Beobachtungsheft festgehalten.
Uns ist wieder ein intensiver und erlebnisreicher Tag beschert, es herrscht Gemeinschaftsgefühl und die Pferde stehen und beobachten uns mit gespitzen Ohren: Wann kommt ihr endlich?
Der Tag erstrahlt in neuer Schönheit nach heftigen Nachtgewittern. Wir sind offen und reif für Neues .Ich lerne den Kindern die Dingeposition und das Pfauenrad. Wir halten an, indem wir dem Kamel einen Tipp geben beziehungsweise den Sprung des Känguruhs nachvollziehen. Die Kinder sitzen auf, lassen sich führen oder führen selbst.
Nach den mittäglichen Wurst- und Käsebroten, Hängematten, Freundschaftsbänder knüpfen und Pferdebücher lesen geht’s wieder ans Putzen, Ttouchen und Pferde zum Reiten fertig machen. Wir üben an den gestrigen Dressurlektionen, um anschließend bei Kavalettiarbeit in Schritt und Trab so richtig in Schwung zu kommen. Die abendliche Weidestunde, das Hinauf und Hinunter selbständig ohne Sattel wird schon sehnlichst erwartet. Nachdem wir am offenen Feuer unser letztes gemeinsames Abendessen gekocht hatten (Augsburger mit Kartoffelschmarrn), gibt’s zu guter Letzt Lindas Belinda Geschichte. Ich glaube wir alle gehen mit dem Glauben schlafen, dass Harmonie zwischen Mensch und Pferd ein realer Wert und möglicherweise auch für uns erreichbar ist.
4.Tag
ist auch gleichzeitig der letzte Tag unserer vielfältigen Begegnung. Es gibt nach dem Frühstück eine ausführliche Ttouchrunde und auch die Pferde werden mit einer ausführlichen Ttouchsession verabschiedet. Sie stehen schon längst mit hängender Unterlippe und halbgeschlossenen Augenlidern und ein kräftige Bärenpranke ist angesagt, damit sie für unsere Bergtour wieder zu Bewusstsein kommen.

Es war eine schöne gemeinsame Unternehmung mit vier Kids, zwei Erwachsenen und zwei Pferden zum Kitzbergschutzhaus.
Aber natürlich dieser letzte Tag soll niemals enden. Am Nachmittag müssen beide Pferde nochmals für einen kleinen Juxritt herhalten.
Die Pferde haben die Ttouches, die Führpositionen und das Reiten der Kinder ausgezeichnet angenommen und die allmähliche Entfaltung der Intimität sehr genossen.
Die Mädchen waren in vieler Hinsicht berührt, dankbar und ganz bei sich und freuen sich schon auf den nächsten Kurs in einem Jahr.
Hanna hat noch am nächsten Tag, nachdem Lager und Zelte abgebaut und verstaut waren Lektionen erhalten, in der wir alle Führpositionen wiederholt und am Pferd durchprobiert haben, sie hat eine Longestunde erhalten und ist für eine kurze Theraphieeinheit ohne Sattel von mir geführt worden.
Mein persönliches Ergebnis nach 5 Tagen dieser Arbeit war ein Gefühl von tiefer erdverbundener Kraft und Sicherheit bei gleichzeitiger Offenheit und Frische meines Geistes. Ich bin mir sicher, dass dieser erste TTEAM-Kurs für Kinder ein ertragreicher Augenblick für uns alle war. Einer der Momente, die Thomas Merton in der Neuen Saat der Kontemplation wie folgt beschreibt:
„Jeder Augenblick und jedes Ereignis im Leben jedes Menschen auf Erden pflanzt etwas in seine Seele ein. Wie der Wind tausende von geflügelten Samenkörnern mit sich herumträgt, so pflanzt jeder Augenblick Keime der spirituellen Vitalität in den Geist und den Willen des Menschen.“

Martin Lasser

 
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